Nachlese zur Fortbildung „Das Mikrobiom-Update 2020”

(29. Januar 2020, Maritim Pro Arte)
Der Standortleiter der MDI Limbach Berlin, Dr. med. Dr. med. univ. [Ungarn] Knud-Peter Krause begrüßte die Gäste und berichtete eingangs die aktuellen Information zum neuen Coronavirus.

Die wissenschaftliche Vorträge wurden eröffnet von Prof. Dr. med. Andre Gessner, Facharzt für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie am Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene, Regensburg, gefolgt von Dr. med. Konrad Bode, Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie am MVZ Labor Dr. Limbach & Kollegen, Heidelberg.

Beide Referenten veranschaulichten die außergewöhnliche, aber weitestgehend unbekannte Bedeutung des Mikrobioms, als Gesamtheit aus Bakteriom, Virom, Mykobiom und Archäom, auf den gesamten menschlichen Organismus. Der Mensch trägt 1,5 kg Masse an Mikroorganismen im Körper sowie auf der Körperoberfläche, die aber über 99 % der genetischen Information tragen, die ein Mensch besitzt. Dieses „second genome” hat somit die 100-fache genetische Information wie das eigentliche menschliche Genom.

Das Mikrobiom ist mit seinen über 3.000 Arten überall im und auf dem Körper nachzuweisen, es erweist sich auch unter Extrembedingungen, z. B. nach Desinfektion der Hände als äußerst stabil. Testpatienten zeigten eine signifikante Veränderung in der Diversität ihres Mikrobioms bei z. B. Auslandsaufenthalten, welche sich aber nach der Heimkehr innerhalb weniger Tage wieder in die ursprüngliche Verteilung rückbildete.

Menschen unterscheiden sich wesentlich mehr in der Zusammensetzung und Diversität ihres jeweiligen Mikrobioms als in ihrem jeweiligen genetischen Code. Das Mikrobiom zeigt, mit Ausnahme des Vaginalmikrobioms, eine sehr hohe Diversität. Als Anekdote zu erwähnen ist, dass sich Mikrobiome, beispielsweise unter Ehepartnern im Laufe der Jahre annähern.

Das Ziel der Mikrobiomforschung ist eine therapeutische Veränderungsmöglichkeit. Denn es gilt als erwiesen, dass das Mikrobiom bedeutenden Einfluss auf diverse Krankheitsbilder aber auch die Kindesentwicklung hat: Schon heute werden in vielen Geburtskliniken Babies nach Sectio-Entbindungen einer Mikrobiomkorrektur unterzogen, indem sie wenige Minuten nach der Geburt in Kontakt mit dem vaginalen Mikrobiom der Mutter gebracht werden.

Das Darmmikrobiom ist für die meisten Erkrankungen einflussreicher als die genetische Disposition des Menschen. Der Grund hierfür liegt in den Stoffwechselprodukten des Mikrobioms: Die meisten Plasma-Metaboliten im menschlichen Blutplasma sind bakterieller Herkunft.

Als Beweis der Kausalität der Wirkung des Mikrobioms wurden keimfreie Tiere benutzt: So konnte beispielsweise die Übertragung von Adipositas bei Mäusen mittels Mikrobiomtransfer nachgewiesen werden.

Beide Redner zeigten noch weitere Einflüsse des Mikrobioms in der Tumortherapie sowie auf Autoimmunerkrankungen wie CEDs, MS oder auch bei Depressionen auf und ergänzten diese Reihe durch Auswirkungen auf Zahnerkrankungen und vertieften den Therapieansatz im Darmkrebsscreening. Auch der Einfluss des Mikrobioms bei nekrotisierender Enterokolitis sowie bei Hirnabzessen wurden beispielhaft beschrieben.

Die Referenten unterstrichen, dass Therapieansätze oder Diagnosen auf Basis entnommener Stuhlproben mit anschließender Mikrobiomdiagnostik derzeit nicht seriös sind.
Während Dr. Bode im Next Generation Screening (NGS) im Einzelfall, z. B. in der Parodontitis-Behandlung eher einen Therapieansatz sieht, schließt Prof. Gessner aktuell jegliche Therapien auf Basis von Mikrobiom-diagnostik aus.

Den Abschluss der wissenschaftlichen Vorträge bildete Dr. med. Anne-Marie Fahr, Fachärztin für Mikro-biologie, Virologie und Infektionsepidemiologie am MVZ Labor Dr. Limbach & Kollegen, Heidelberg, die am Beispiel der bakteriellen Vaginose die Neubewertung etablierter kultureller Nachweise oder mikroskopischer Diagnostik durch moderne, molekulare Diagnostik wie der Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung (FISH), der quantitativen Polymerase-Kettenreaktion (qPCR) oder dem NGS vornahm. Sie kam zum Ergebnis, dass die Mikroskopie nach Ison/Hay, die von IUSTI und WHO empfohlen werden, die Methode der Wahl zur Diagnose der bakteriellen Vaginose ist.

Die Teilnehmer nutzten die Gelegenheit sich mit den Rednern in intensiver Diskussion auszutauschen.

Zum Abschluss der Veranstaltung wurden ein interaktiver Wissenstest sowie eine Evaluierung der Veranstaltung über das neu eingesetzte Votingtool per Handy durchgeführt.

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